Kreative Lektüre – Meisterklasse Zeichnen von Guy Noble

Das Buch »Meisterklasse Zeichnen – Kreative Techniken 100 großer Künstler« von Guy Noble ist in diesem Jahr im Prestel Verlag erschienen: 288 Seiten – 20 x 24 cm groß und über 2 cm dick – reich bebildert – 24,95 Euro


»Weil ich das Zeichnen liebe und mir deshalb wünsche, dass es anderen Menschen ebenso ergeht.« (Seite 27)


Eher selten verschlinge ich Fachbücher an einem Stück, so wie dieses. Schnell war klar, dass ich es euch vorstellen möchte, denn es ist so reichhaltig, leidenschaftlich und besonders. Auch wenn das Zeichnen für viele von euch nicht an erster Stelle stehen mag, so kennen wir Kreative diesen Wunsch: unsere Ideen, Skizzen und Entwürfe gut auf Papier zu bringen. Für das Entwerfen, in der Anwendung von Mischtechniken oder zum allgemeinen Verständnis der Gestaltungslehrer, kann das Buch sehr hilfreich sein. Seitenaufteilung, Lichteinfluss, Kontraste? Oder wie wäre es, wir stehen in einer Galerie und wüssten die Werke an den Wänden plötzlich besser zu deuten? Überhaupt kann sich jeder angesprochen fühlen, der gern hinter die Dinge schaut und nicht an der langweiligen Oberfläche von Anleitungen oder Interpretationen hängen bleibt. Dieses Buch ist nicht verschult und geht doch einleitend auf die Basis des Zeichnens ein. Kurz und prägnant erfahren wir etwas über Komposition, Motiv, Raum, Material. Es eröffnet uns Sichtweisen, Hintergründe und klärt, warum es so wichtig ist, die Werke erfahrener Künstler zu studieren.


Ihre Werke aber gehen über das Konzept der reinen Ähnlichkeit des Gesichts weit hinaus. Diese Köpfe stehen nicht für den einzelnen Menschen, sondern für das allgemein Menschliche, während ein Porträt in der Abbildung des Gesichts – der äußeren Fassade sozusagen – die Persönlichkeit einer bestimmten Person wiedergibt. (Seite 71)


Der Autor, Künstler und Kunstlehrer Guy Noble scheint schier alles über die 100 Künstler im Buch zu wissen. Und darüber hinaus kennt er sich selbst mit dem Zeichnen sehr gut aus. Er kombiniert zwei Dinge: das Anleiten, bzw. die Inspiration zum Zeichnen und die Interpretation, bzw. Analyse der Künstler, der Meisterwerke und ihre speziellen, sehr individuellen Herangehensweisen beim Zeichnen. All dies im Kontext der jeweiligen Zeit. Denn immer stecken Lebensgeschichten hinter den Entscheidungen, die zu den Zeichnungen führten. Wir dürfen sie erfahren und daraus lernen.

Das Paperback ist handliche 20 mal 24 cm groß und über 2 cm dick. Wir können uns freuen, dass wir eine Weile mit der Lektüre beschäftigt sind. Auch optisch ist das Buch ein Genuss. Als Grafik-Designerin muss ich nicht lange blättern, um mich zu verlieben – wenn es möglich ist. Das Layout ist sehr ansehnlich und übersichtlich gestaltet. Regelrecht ausgetüftelt, spricht es verschiedene Sprachen mit uns. Bild und Text geben sich die Hand. Keine Textwüste. Häppchen! Textblöcke in angenehmer Länge, führen thematisch und auflockernd durchs Buch. Seht nur, wie schön das Inhaltsverzeichnis daher kommt! Es ist entschleunigt, das liegt daran, dass die Unterkapitel jeweils eigene Inhaltsverzeichnisse erhalten haben. Auch hier finden wir also die reduzierte und klare Sprache wieder und werden nicht durch Wissen erschlagen.

Die Hauptkapitel »Stillleben, Köpfe, Landschaft, Figuren, Abstraktion, Akt, Fantastisches« sind alle ähnlich aufgebaut. Nach einer wirklich kurzen Erklärung des jeweiligen Kapitel-Begriffs, gefühlt in ca. 32 Punkt Schrift auf einer Doppelseite gesetzt, geht es gleich mit einem der klassischen Künstler und Künstlerinnen wie zum Beispiel Michelangelo, Elisabetta Sirani, Francisco Goya, Edgar Degas, Paula Rego, … los. Für jeden Beitrag wird eine Doppelseite genutzt, wie unten auf dem Foto zu erkennen.

5 Elemente bestimmen das Layout: Die Großformatige Ansicht einer Meisterzeichnung (ich bin dankbar, dass hier auch weniger bekannte Werke ausgewählt wurden), ein längerer Text mit Geschichten und Gewohnheiten des Künstlers aus der entsprechenden Zeit mit Bezug und Deutung auf die Meisterzeichnung, eine kurze Vita, Querverweise zu Künstlern im Buch und konkrete Inspirationen zu unserem eigenen Zeichnen. Letzteres steht immer in einem minzfarbenen Kästchen.

Die 5 Elemente finden wir zuverlässig auf jeder Seite wieder. Das ist schön zum Vergleichen der vielen Künstler. Im Fokus stehen für mich die Analyse der Zeichnung im Dialog mit den kreativen Praxistipps, die uns der Autor mit auf den Weg gibt. In diesen Info-Kästchen – mit auffordernden Charakter – erfahren wir etwas über: Komposition, Material, Linienführung, Vorlagen, Töne und vieles mehr. Einige Themen tauchen immer wieder auf, dann jeweils im Bezug auf das entsprechende Werk mit immer neuen Aspekten, Abwandlungen, Übungen, Ideen, Hinweisen und Augenöffnern. Es ist ein praxisorientiertes Buch, denn es muntert uns auf, von den Meistern zu lernen, Techniken zu üben und zu entwickeln, unsere eigene Sprache zu finden in dem wir unser Anliegen auf den Punkt bringen oder mal bewusst »ganz anders betrachten«.

Tatsächlich habe ich mit diesem Buch das Gefühl, den Werken und vor allem den Künstlern, näher zu kommen. Das liegt zum einen an dem wirklich guten visuellen Konzept und zum anderen an der Erzählweise des Autors. Es gelingt ihm sehr gut, mit wenigen Worten, komplexe Räume zu eröffnen. Als Leser blicke ich durch das Meisterwerk und die Analyse hindurch und bin dabei, verstehe den Künstler in seinem Tun, mittendrin in der Zeit, in der er steckt. Hier geschieht das Gegenteil von dem, was in einem Museum geschieht. Keine Unnahbarkeit und Verrätsellung. Es stehen auch nicht einfach nur unterschiedliche Werke und Meister nebeneinander. Künstler, Zeichnungen, Auffassungen, Lebensgeschichten und unterschiedliche Epochen bedingen sich. Ein großes Ganzes. Motivation des Autors ist, dass der Leser dies auch für sich und seine eigene Arbeit entdeckt.


Durch die Analyse einer jeden Zeichnung, entwickelt der Leser mehr und mehr ein konstruktives Verständnis, das die Richtung der eigenen Arbeit verändern kann. (Seite 24)


Das Buch kommt genau richtig, um uns – im Zeitalter von Moodboards – daran zu erinnern, wie wichtig das »Studium der alten Meister« ist. Auch wird deutlich, dass uns heute kein Kanon zur Seite steht. Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich und erlaubt ist und genau deshalb aber auch vieles egal erscheint. Wir gehören keiner »Schule« an und wir können uns somit auch GEGEN keine »Schule« richten. Die Lebensgeschichten der vielen Künstler in ihren Epochen, politischen und religiösen Situationen, sind eng verflochten mit entsprechenden Auffassungen von Kunst und Handwerk. Diese kurzen Einblicke in die Ateliers und Lebenslagen sind, im großen Zusammenhang betrachtet, sehr interessant dargestellt und können uns in der persönlichen Entwicklung und Ortung helfen.

Ein Buch für Anfänger und Experten, zum einmal und mehrmals Lesen, zum selber haben wollen und perfekt zum Verschenken. Ein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite lesen kann. Ebenso gut eignet es sich zum selektivem Studieren und Nachschlagen. Es spricht im Grunde nichts dagegen, dass es in jedem Bücherregal steht.


Extremes Mienenspiel wirkt gezeichnet oft wenig überzeugend, was besonders für das Lachen zutrifft. Lachen geschieht meist nur einen Moment lang. Hält man diesen Ausdruck künstlerisch fest, sieht ihn der Betrachter unnatürlich lange. (Seite142)


Wie fand das Buch zu mir? Ich sah es in Dortmund, in einem Büchertempel, auf einem kleinen Tisch liegen und habe es sofort erworben. Selten, dass ich in »fremden« Buchläden bin und noch seltener geworden sind Spontankäufe. Auf dem Lande ist das Angebot sehr eingeschränkt.

3 thoughts on “Kreative Lektüre – Meisterklasse Zeichnen von Guy Noble

  1. Darum liiiiiiiiiiiiiebe ich diesen Blog, die Kunst kommt nicht zu kurz und bekommt hier immer mal wieder Raum. Und das Buch ist doch mal eine Empfehlung, der ich wohl ohne weitere Überlegung folgen werde. Nur auf den nächsten Monat warte ich noch, dieser Monat ist finanziell schon so ausgelutscht ;-). Gerade hatte ich nämlich auch mal wieder ein unsägliches Zeichnenanleitungsbuch in den Händen, da sträubt sich mir einfach alles, ist gar nichts für mich…, andere fliegen darauf… Insofern herzlich danke, gerade im richtigen Moment erwischt, freue ich mich mal auf sächsische Lesestunden am Kamin… Liebe Grüße Ghislana

    1. liebe ghislana, danke für deine rückmeldung und begeisterung! ja, es wird dir gefallen! und es gibt wirklich eine menge ungut geratene bücher zum thema zeichnen. ich war auch immer mal auf der suche für meine schüler.

      liebe grüße . tabea

  2. das buch behalte ich auf jeden fall im kopf – nach dieser fabelhaften, begeistert geschriebenen besprechung kann ich ja gar nicht anders ;)! mehr zeichnen sollte / möchte ich sowieso wieder, auch wenn es mir oft schwerfällt.
    liebe grüße
    mano

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