Kreative Lektüre – Das Wesen der Pflanze von Helen & William Bynum

»Das Wesen der Pflanze – Botanische Skizzenbücher aus sechs Jahrhunderten« von Helen & William Bynum ist im Frühjahr 2018 im Haupt Verlag erschienen: 296 Seiten • 275 Farbillustrationen • ca. 27 x 21 cm • 49,00 Euro


»Was du nicht gezeichnet hast, hast du nicht gesehen.« Seite 10


Ich liebe Skizzenbücher, denn mit diesen erhält man einen guten Eindruck von persönlichen Zeichenstilen. Zudem hat die Skizze für mich schon immer etwas Besonderes an sich. Sie interessiert mich viel mehr, als das fertige Werk. Skizzen sind dynamisch und lebendig, sie haben Duktus. Kennt ihr das, dass besonders die ersten Entwürfe und Skizzen einer Idee besonders kraftvoll und intensiv sind?

So wusste ich gleich, dass mich dieses Buch, welches im Frühjahr erschien, begeistern könnte. Ich bekundete mein Interesse beim Haupt Verlag und eines Tages lag ein großes, schweres, hochwertiges Buch in meinem Briefkasten. Schon beim ersten Blättern, zwischen all den Blumen, war klar: JA – ein wunderbares Buch! Liebevoll gestaltet und produziert, reich an Illustrationen, gut gegliederter Text, übersichtliche Kapitel, eine ausgetüftelte Typografie, die ganz leicht daherkommt. Ein Buch, in das ich gern meine Nase stecke.


»John James lenkte sich durch das Zeichnen ab, als er von Piraten gefangen wurde.« Seite 258


Besonders gut gelungen sind die Abbildungen der Skizzenbücher, Notizhefte und Zettel mit den botanischen Zeichnungen. Die dargestellten Bücher werden samt der floralen Schätzen als Objekt dargestellt, so dass der Leser einen guten Eindruck der einzelnen Werke erhält. Handelt es sich um Bücher, um lose Blättersammlungen oder liebevoll zusammengeklebte Collagen? Die Beschaffenheit der vergilbten Papiere, Risse, Flecken und Flicken spricht für sich. Die Zeichnungen wurden gebraucht, kamen mit auf Reise, in den Garten, auf den Spaziergang und in den Hörsaal.

Die Arbeiten werden vom 15. bis zum 20. Jahrhundert chronologisch präsentiert. Lange Zeit hatten botanische Zeichnungen (jenseits der Fotografie) die Funktion, das Gesehene und Entdeckte festzuhalten und im Detail zu erfassen, sei es aus künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen. Oder auch aus Freude am Zeichnen, zum Sammeln und Austauschen. Es gab noch viel zu entdecken und in den Buchläden waren erschwingliche und reichbebilderte Fachbücher noch nicht vorhanden.

Im Vorwort habe ich gelernt, woher der Begriff »Skizze« stammt. Unfassbar modern, ihr würdet euch wundern, wie nah diese Deutung am heutigen Mainstream liegt. Man könnte meinen, hier werden Visual Thinking und Mark Making beschrieben. Auch erfahren wir, was die botanische Skizze ausmacht und das es in diesem Buch um die Vielfalt der darstellerischen Möglichkeiten geht. Die Arbeiten berichten vom Duktus und Können der jeweiligen Zeichner. Von spontanen und leichtfüßigen Skizzen bis zu detaillierten und sehr aufwendigen Arbeiten, ist alles dabei. Die Werke nehme sehr viel Raum ein, sie stehen in diesem Buch im Vordergrund. Die Urheber (bekannte Künstler, Hobbyzeichner, Wissenschaftler, Amateure und Abenteurer) werden stets im engen Zusammenhang mit ihrem zeichnerischen Werk vorgestellt.


»Therese förderte das Talent der Söhne, indem sie sie die Werke des Vaters kopieren ließ.« Seite 146


Vier große Kapitel (Im Feld, Wissenschaftler, Künstler, Ein angenehmer Zeitvertreib) gliedern das Buch und viele Unterkapitel gehen weiter in die Tiefe. Die Sortierung leuchtet ein, so erfahren wir zum Beispiel im ersten Kapitel »Im Feld« etwas über Abenteurer, Sammler, Botanik als Nebentätigkeit und Im Auftrag der Macht. Pro Kapitel werden ca. 7 Schaffende aus unterschiedlichen Jahrhunderten vorgestellt. Visuell unterstützt wird diese Gliederung durch eine übersichtliche Gestaltung. Schrift und Farbe helfen sich beim Blättern zu orientieren (das Buch ist immerhin ein Wälzer). Ein lebender Kolumnentitel (Links neben der Seitenzahl steht der Name des übergeordneten Kapitels, auf der rechten Seite steht das Unterkapitel) dient uns als Kompass und grüne Kapitel-Auftakt-Seiten setzen Akzente.

Wer Interesse an Handschriften hat, wird sich sehr über die persönlichen Notizen und Beschriftungen freuen, die viele Zeichnungen bereichern. Sie sind mit Bleistift oder Tusche, manchmal mit Schreibmaschine, tagebuchartig neben den Pflanzenzeichnungen platziert. Die Handschriften stehen kreuz und quer, vereinzelt oder im Fluss – immer ästhetisch und eigen. Sicher wurden die Blätter teilweise nach und nach ergänzt, dann auch mit verschiedenen Schreibgeräten. Diese Nichtperfektion macht den Reiz und die Schönheit der Arbeiten aus. Das Entdecken und Erforschen fand Stück für Stück statt und die Zeichnung erzählt von dieser Herangehensweise.

Die Handschriften geben nicht nur Aufschluss über Pflanzennamen, Pflanzenteile, Fundort und Zeit, sondern beschreiben oft auch den Zustand der Pflanze in verschiedenen Jahreszeiten oder Wetterlagen. Manch ein Zeichner geht sogar so gründlich vor, dass er die Pflanze in kurzen Zeitabständen, nach dem Erblühen bis zum schnellen Verwelken in Wort und Bild darstellt. Schön sind die aufschlussreichen Fußnoten der Illustrationen und die kurzweiligen Biografien. Jedem Künstler, Wissenschaftler, Abenteurer wurden je zwei Doppelseiten gewidmet. Diese Biografien (einseitig) sind sehr spannend geschrieben und es ist überraschend, wie viele unterschiedliche Lebensgeschichten zur Lust und Notwendigkeit des Zeichnens führten.

Diese wunderschöne Zeichnung (s. oben) ist von William Burchell. Mein Gestaltungslehre Lehrer sagte früher gern »Das ist ein schönes Blatt!« als höchstes Lob, wenn auf jenem Blatt alles Gute zusammenkam. Eine ausgeglichene Verteilung, persönliche Spuren, Narration, Beschriftung und Inhalt, bzw. die visuelle Lösung der gestellten Aufgabe. Kurz: Eine optisch runde Geschichte. Da geht es nicht nur um Sauberkeit und perfektes Handwerk, sondern darum, ob dieses Blatt in Ganzem zu einem spricht. Dieses Buch dokumentiert mit Flecken, unterschiedlichen Papierfarben, das Durchschimmern von Rückseiten, Klebestellen, Rückständen durch Archivierungsmethoden, Handschriften mit Charakter und Spuren von Alter.


»Colonna beschloss, die Pflanzen, mit denen seine Krankheit behandelt wurde, exakt zu bestimmen, denn er glaubte, dieses Wissen sei verloren gegangen.« Seite 127


Nun könnte ich noch stundenlang aus dem Nähkästchen plaudern, allein dass sich William Burchell in Afrika seinen Reisewagen in ein Atelier umbauen ließ oder Richard Dreyer, der bereits gedruckte und nicht illustrierte Pflanzenbücher mit komplexen, botanisch korrekten Zeichnungen (s. unten) versah. Verrückt und wunderschön! Erwähnen möchte ich noch, dass auch einige Frauen vertreten sind. Zum Beispiel Helen Faulkner, die ihre Pflanzen an Orten sammelte, die auf keiner Karte verzeichnet waren, daher beschrieb sie den Weg dorthin und ließ sich noch im Alter von 88 Jahren von Lastwagenfahrern mitnehmen, um Pflanzen sammeln zu können.

Doch lest selbst ;o) Es gibt in diesem Buch über 80 solcher Lebensgeschichten!

Also ein Buch für Menschen, die Bücher lieben und sich an Lebensgeschichten erfreuen, die mit dem Zeichnen, Dokumentieren und Forschen rund um das Florale verknüpft sind. Eine »Kreative Lektüre« zum Genießen und Zurücklehnen. Für aktive Zeichner und Zeichnerinnen sicher auch eine Möglichkeit mal wieder über die eigene Arbeit nachzudenken. Rückblicke in eigener Sache sind interessant, was könnte ich wieder aufgreifen, vertiefen oder sogar als künstlerisches Projekt weiterspinnen, veröffentlichen, teilen? Setzt eure persönliche Handschrift ein! Die unterschiedlichen Zeichenstile im Buch, verdeutlichen etwas, was in Instagram Zeiten (perfektioniertes Handwerk und Lifestyle) aus dem Blick geraten kann, nämlich dem eigenen Stil und Thema mutig Raum und Entfaltung zu lassen, unabhängig davon, ob dies viele Herzchen oder Follower bringt.

Im Falle, ihr denkt nun, ach die Tabea ist leicht zu begeistern, die ist ja immer so Feuer und Flamme über jedes Buch – nein, so ist das nicht. In »Kreative Lektüre« dürfen nur ganz besonders Bücher Platz nehmen. Es handelt sich um Bücher, bei denen mir auch nicht die geringste Idee einer Verbesserung einfällt. Hier stimmt alles: Thema, Form, Gestaltung, Haptik und schließlich dir Möglichkeit an diesem Buch zu wachsen. Also kurz: Dies ist ein besonders Buch und ich kann es sehr empfehlen! Legt es unter den Weihnachtsbaum! Ich lege es zu seinesgleichen in mein Regal:


Wie das Buch zu mir fand: Ich bekundete mein Interesse beim Haupt Verlag über das Buch zu berichten – unter anderem mit einem Herzchen auf Instagram. Und ein paar Tage später lag es in meinem Briefkasten. Vielen Dank!

Kreative Lektüre – Werners Nomenklatur der Farben von P. Syme

»Werners Nomenklatur der Farben – angepasst an Zoologie, Botanik, Chemie, Mineralogie, Anatomie und die Kunst« von P. Syme ist im Sommer 2018 im Haupt Verlag erschienen: 80 Seiten – 13,5 x 22,5 cm groß – Leinen – durchgehend farbige Abbildungen – 22,00 Euro


»Wenn sich eine Farbe leicht einer anderen annähert, sagt man, sie lehnt sich an.« Seite 14


Mit »Werners Nomenklatur der Farben« erschien 1814 erstmals ein System zur Klassifizierung von Farben und galt als »nützliche Errungenschaft«. Dies in einer Zeit, in der weder die Fotografie noch schnelle Drucktechniken als Dokumentations- und Vervielfältigungshilfen zur Verfügung standen. Für Wissenschaftler und Künstler gab es bisher kein verlässliches und allgemein gültiges Farbsystem, mit dem man hätte Natur oder Kunst beschreiben können. Unvorstellbar für uns aus heutiger Sicht.

Der Farbratgeber, der 110 Farben umfasste, fand rege Anwendung. Durch zusätzliche Angaben, die im Buch genauer beschrieben werden, können die »Hauptfarben« bis auf 30.000 Töne variiert werden. Wissenschaftliche Beschreibungen konnten nun sehr konkret in Worte gefasst werden. Ausdrucksvoll und nachvollziehbar auch ohne kolorierte Zeichnungen. Persönliche, unverbindliche Auffassungen von Farben, wichen den konkreten Benennungen der Farbtabellen. Unter anderem reiste das Buch mit Charles Darwin über die Meere.


»Wie unzulänglich muss daher eine Beschreibung sein, wenn die verwendeten Begriffe uneindeutig sind und es keinen Standard gibt, auf den es sich zu beziehen gilt.« Seite 6


Das Büchlein liefert nicht nur Farbtafeln mit sehr konkreten und teilweise poetisch klingenden Namen. Es macht das Problem der fehlenden Vereinbarung bezüglich des Umganges mit Farben sichtbar und stellt die Lösung, samt Anwendungsbeispielen mit dazu. Es zelebriert das Mischen der speziellen Farben auf der jeweils linken Seite des Buches. Für mich liest sich das wie ein Gedicht.

Das kleine handliche Buch, im wertigen Hardcover-Leinengewand, ist dem Original in Ästhetik und Form angeglichen. Ein sehr sorgfältig und gut gemachtes Buch. Es besteht vorwiegend aus den Farbtabellen, sortiert in Farbgruppen. Sehr viel verraten vom Inhalt im vorderen Teil, kann ich euch hier nicht. Es ist zwar nicht viel Text, dafür aber sehr interessant und einleuchtend. Diese Ausgabe ist die erste, die in Deutscher Sprache erscheint und stellt somit eine Besonderheit dar. Die alten Tabellen wurden übersetzt und angeglichen, ohne das die ursprüngliche Schönheit verloren ging. Die Farbplättchen wurden nicht restauriert, sondern so dargestellt, wie die überlieferten Tafeln. Wir dürfen das Werk nicht mit einem Pantone-Fächer verwechseln.


»Dieses Merkmal kann auch vorteilhaft genutzt werden, um eine wahre Vorstellung der Farbveränderungen zu geben, die die Pflanzen durch Kultivierung oder durch Entfernung aus ihrem natürlichen Boden und Klima durchlaufen.« Seite 22


Drucktechnisch wurde das alte Papier der Erstausgabe nachempfunden

Mich hat Werners Nomenklatur gedanklich sehr angeregt. Als Designerin bevorzugte ich bisher das von Küppers beschriebene CMYK Farbsystem. Dieses kommt recht sachlich daher und bietet keinen Raum für die Farbe als »Individuum«. Denn so sehe ich es nun, eine Farbe, die »Aurikelviolett«, »Entengrün« oder »Schokoladenrot« heißt, hat ein Gesicht und trägt ihre Geschichte – im Namen erkennbar – mit.

So hat mich diese Lektüre wieder daran erinnert, dass es sinnvoll ist, ein Thema von allen Seiten zu beleuchten. Und wie wichtig es ist, über unseren überladenen Tellerrand zu blicken. Zum Beispiel in die Vergangenheit, in der so spannende Ereignisse, wie die Entdeckung der Fähigkeiten von Farbe liegt – um wiederentdeckt zu werden. Es ist mir eine Freude, die Nomenklatur in mein Regal zu klemmen und mich der Theorie der Farbe in Zukunft mit anderen Augen zu zuwenden. Ich gehe davon aus, dass es keinen Kreativen gibt, der dieses Buch nicht haben sollte.


Wie das Büchlein zu mir fand: Ich bekundete mein Interesse, über das Buch zu berichten – unter anderem mit einem Herzchen auf Instagram. Und ein paar Tage später lag es in meinem Briefkasten. Vielen Dank!


Kreative Lektüre – Meisterklasse Zeichnen von Guy Noble

Das Buch »Meisterklasse Zeichnen – Kreative Techniken 100 großer Künstler« von Guy Noble ist in diesem Jahr im Prestel Verlag erschienen: 288 Seiten – 20 x 24 cm groß und über 2 cm dick – reich bebildert – 24,95 Euro


»Weil ich das Zeichnen liebe und mir deshalb wünsche, dass es anderen Menschen ebenso ergeht.« (Seite 27)


Eher selten verschlinge ich Fachbücher an einem Stück, so wie dieses. Schnell war klar, dass ich es euch vorstellen möchte, denn es ist so reichhaltig, leidenschaftlich und besonders. Auch wenn das Zeichnen für viele von euch nicht an erster Stelle stehen mag, so kennen wir Kreative diesen Wunsch: unsere Ideen, Skizzen und Entwürfe gut auf Papier zu bringen. Für das Entwerfen, in der Anwendung von Mischtechniken oder zum allgemeinen Verständnis der Gestaltungslehrer, kann das Buch sehr hilfreich sein. Seitenaufteilung, Lichteinfluss, Kontraste? Oder wie wäre es, wir stehen in einer Galerie und wüssten die Werke an den Wänden plötzlich besser zu deuten? Überhaupt kann sich jeder angesprochen fühlen, der gern hinter die Dinge schaut und nicht an der langweiligen Oberfläche von Anleitungen oder Interpretationen hängen bleibt. Dieses Buch ist nicht verschult und geht doch einleitend auf die Basis des Zeichnens ein. Kurz und prägnant erfahren wir etwas über Komposition, Motiv, Raum, Material. Es eröffnet uns Sichtweisen, Hintergründe und klärt, warum es so wichtig ist, die Werke erfahrener Künstler zu studieren.


Ihre Werke aber gehen über das Konzept der reinen Ähnlichkeit des Gesichts weit hinaus. Diese Köpfe stehen nicht für den einzelnen Menschen, sondern für das allgemein Menschliche, während ein Porträt in der Abbildung des Gesichts – der äußeren Fassade sozusagen – die Persönlichkeit einer bestimmten Person wiedergibt. (Seite 71)


Der Autor, Künstler und Kunstlehrer Guy Noble scheint schier alles über die 100 Künstler im Buch zu wissen. Und darüber hinaus kennt er sich selbst mit dem Zeichnen sehr gut aus. Er kombiniert zwei Dinge: das Anleiten, bzw. die Inspiration zum Zeichnen und die Interpretation, bzw. Analyse der Künstler, der Meisterwerke und ihre speziellen, sehr individuellen Herangehensweisen beim Zeichnen. All dies im Kontext der jeweiligen Zeit. Denn immer stecken Lebensgeschichten hinter den Entscheidungen, die zu den Zeichnungen führten. Wir dürfen sie erfahren und daraus lernen.

Das Paperback ist handliche 20 mal 24 cm groß und über 2 cm dick. Wir können uns freuen, dass wir eine Weile mit der Lektüre beschäftigt sind. Auch optisch ist das Buch ein Genuss. Als Grafik-Designerin muss ich nicht lange blättern, um mich zu verlieben – wenn es möglich ist. Das Layout ist sehr ansehnlich und übersichtlich gestaltet. Regelrecht ausgetüftelt, spricht es verschiedene Sprachen mit uns. Bild und Text geben sich die Hand. Keine Textwüste. Häppchen! Textblöcke in angenehmer Länge, führen thematisch und auflockernd durchs Buch. Seht nur, wie schön das Inhaltsverzeichnis daher kommt! Es ist entschleunigt, das liegt daran, dass die Unterkapitel jeweils eigene Inhaltsverzeichnisse erhalten haben. Auch hier finden wir also die reduzierte und klare Sprache wieder und werden nicht durch Wissen erschlagen.

Die Hauptkapitel »Stillleben, Köpfe, Landschaft, Figuren, Abstraktion, Akt, Fantastisches« sind alle ähnlich aufgebaut. Nach einer wirklich kurzen Erklärung des jeweiligen Kapitel-Begriffs, gefühlt in ca. 32 Punkt Schrift auf einer Doppelseite gesetzt, geht es gleich mit einem der klassischen Künstler und Künstlerinnen wie zum Beispiel Michelangelo, Elisabetta Sirani, Francisco Goya, Edgar Degas, Paula Rego, … los. Für jeden Beitrag wird eine Doppelseite genutzt, wie unten auf dem Foto zu erkennen.

5 Elemente bestimmen das Layout: Die Großformatige Ansicht einer Meisterzeichnung (ich bin dankbar, dass hier auch weniger bekannte Werke ausgewählt wurden), ein längerer Text mit Geschichten und Gewohnheiten des Künstlers aus der entsprechenden Zeit mit Bezug und Deutung auf die Meisterzeichnung, eine kurze Vita, Querverweise zu Künstlern im Buch und konkrete Inspirationen zu unserem eigenen Zeichnen. Letzteres steht immer in einem minzfarbenen Kästchen.

Die 5 Elemente finden wir zuverlässig auf jeder Seite wieder. Das ist schön zum Vergleichen der vielen Künstler. Im Fokus stehen für mich die Analyse der Zeichnung im Dialog mit den kreativen Praxistipps, die uns der Autor mit auf den Weg gibt. In diesen Info-Kästchen – mit auffordernden Charakter – erfahren wir etwas über: Komposition, Material, Linienführung, Vorlagen, Töne und vieles mehr. Einige Themen tauchen immer wieder auf, dann jeweils im Bezug auf das entsprechende Werk mit immer neuen Aspekten, Abwandlungen, Übungen, Ideen, Hinweisen und Augenöffnern. Es ist ein praxisorientiertes Buch, denn es muntert uns auf, von den Meistern zu lernen, Techniken zu üben und zu entwickeln, unsere eigene Sprache zu finden in dem wir unser Anliegen auf den Punkt bringen oder mal bewusst »ganz anders betrachten«.

Tatsächlich habe ich mit diesem Buch das Gefühl, den Werken und vor allem den Künstlern, näher zu kommen. Das liegt zum einen an dem wirklich guten visuellen Konzept und zum anderen an der Erzählweise des Autors. Es gelingt ihm sehr gut, mit wenigen Worten, komplexe Räume zu eröffnen. Als Leser blicke ich durch das Meisterwerk und die Analyse hindurch und bin dabei, verstehe den Künstler in seinem Tun, mittendrin in der Zeit, in der er steckt. Hier geschieht das Gegenteil von dem, was in einem Museum geschieht. Keine Unnahbarkeit und Verrätsellung. Es stehen auch nicht einfach nur unterschiedliche Werke und Meister nebeneinander. Künstler, Zeichnungen, Auffassungen, Lebensgeschichten und unterschiedliche Epochen bedingen sich. Ein großes Ganzes. Motivation des Autors ist, dass der Leser dies auch für sich und seine eigene Arbeit entdeckt.


Durch die Analyse einer jeden Zeichnung, entwickelt der Leser mehr und mehr ein konstruktives Verständnis, das die Richtung der eigenen Arbeit verändern kann. (Seite 24)


Das Buch kommt genau richtig, um uns – im Zeitalter von Moodboards – daran zu erinnern, wie wichtig das »Studium der alten Meister« ist. Auch wird deutlich, dass uns heute kein Kanon zur Seite steht. Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich und erlaubt ist und genau deshalb aber auch vieles egal erscheint. Wir gehören keiner »Schule« an und wir können uns somit auch GEGEN keine »Schule« richten. Die Lebensgeschichten der vielen Künstler in ihren Epochen, politischen und religiösen Situationen, sind eng verflochten mit entsprechenden Auffassungen von Kunst und Handwerk. Diese kurzen Einblicke in die Ateliers und Lebenslagen sind, im großen Zusammenhang betrachtet, sehr interessant dargestellt und können uns in der persönlichen Entwicklung und Ortung helfen.

Ein Buch für Anfänger und Experten, zum einmal und mehrmals Lesen, zum selber haben wollen und perfekt zum Verschenken. Ein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite lesen kann. Ebenso gut eignet es sich zum selektivem Studieren und Nachschlagen. Es spricht im Grunde nichts dagegen, dass es in jedem Bücherregal steht.


Extremes Mienenspiel wirkt gezeichnet oft wenig überzeugend, was besonders für das Lachen zutrifft. Lachen geschieht meist nur einen Moment lang. Hält man diesen Ausdruck künstlerisch fest, sieht ihn der Betrachter unnatürlich lange. (Seite142)


Wie fand das Buch zu mir? Ich sah es in Dortmund, in einem Büchertempel, auf einem kleinen Tisch liegen und habe es sofort erworben. Selten, dass ich in »fremden« Buchläden bin und noch seltener geworden sind Spontankäufe. Auf dem Lande ist das Angebot sehr eingeschränkt.

Frühlingsboten – Eine Postaktion mit dem Haupt Verlag

Mittendrin in der Frühlingspost dürfen wir euch heute noch eine zusätzliche Post-Kunst-Aktion vorstellen, die wir zusammen mit dem Haupt Verlag starten. Hüpft mal ganz schnell rüber zum Haupt Magazin, da sind wir heute zu Gast. Wir stellen zwei nagelneue Bücher vor, zeigen, wozu uns die Bücher inspiriert haben und fordern euch auf:

Verschickt selbstgemachte Karten und gewinnt dabei herrliche Bücher, wie findet ihr das?

Alle Infos findet ihr hier.  Wir freuen uns auf eure Post! #hauptfrühlingsboten

Kreative Lektüre – Handbuch Handlettering von Chris Campe

Heute beginnen wir unsere Reihe »Kreative Lektüre«. Die Idee dazu hatten wir schon länger und nahm nach diesem Post zum Thema Brush Lettering konkrete Gestalt an.

Das »Handbuch Handlettering« von Chris Campe ist im Frühjahr 2017 im Haupt Verlag erschienen: 160 Seiten – 23,8 x 26,6 cm – reich bebildert – 29,90 Euro

»Es geht darum, sich mit der Idee illustrativer Schrift vertraut zu machen und Schrift als erzählerisches Bild zu behandeln.«

Das Handbuch Handlettering fasst sich mit diesem Satz auf Seite 88 selbst zusammen. Statt mit optimierter Computerschrift zu visualisieren, zeichnet man beim Handlettering einzigartige Buchstaben, die dem Inhalt Ausdruck verleihen.

Die Gestaltungslehre hat vor über 20 Jahren meine kreative Welt sehr sortiert. Sie ist für mich etwas paradiesisches. Allerdings finde ich dies in Büchern eher selten wieder. Und hier kommt die gute Nachricht: Wunderbar flechtet Chris Campe Basiswissen der Gestaltungslehre in ihr Buchwerk ein und wendet es konkret und detailreich auf die Schrift an. Obwohl ich zum Thema schon einiges intus habe, eröffnen sich mir hier neue Zusammenhänge. Ihr Tonfall ist persönlich, beschwingt und einladend. Ihre Formulierungen konkret und feinsinnig. Für Chris Campe ist Schriftgestaltung kein Geheimnis, um das man herumschleichen muss. Warum ich das erwähne? Weil es ja so viele Fachbücher gibt, die am Ende doch nicht verraten, wie man es jetzt aber wirklich macht. Oder sie überschütten einen mit Wissen, schrecken ab und lassen einen dann damit stehen.



Besonders gut gefällt mir an diesem modernen und zeitlosen Fachbuch, dass die Autorin ihre »eigene Sprache« spricht und aus dem Vollen schöpft. Denn Handlettering ist ihr Weg. Das Buch ist also nicht »nur« ein Projekt, sondern ein Konzentrat ihres bisherigen Schaffens und Denkens zum Thema. Hier wird nicht munter allgemeines Fachwissen zum x-ten Male neu aufgemacht. Im Lesefluss fühle ich mich nie gelangweilt. Und dabei ist es ein Fachbuch mit allem drum und dran! Es gibt freilich Ratschläge und Anleitungen, jedoch immer mit dem Ziel: selbstständiges Arbeiten zu fördern.

»Denn, wenn alles hervorgehoben wird, ist am Ende nichts mehr betont.«
(S. 34)

Die Autorin kann auch streng sein, sie macht das sehr freundlich und glasklar. An vielen Stellen spricht sie es direkt an, z.B. dass Schrift zwar aussehen kann wie wer will, dass man jedoch nicht vergessen sollte, dass Schrift nicht nur kreativer Ausdruck ist, sondern, dass etwas mit ihr ausgesagt werden möchte. Damit spricht sie allen Designern aus der Seele.


Zu Beginn des Buches werden die Begrifflichkeiten erklärt: Typografie, Kalligrafie, Handlettering – und da musste ich mir eingestehen, war ich bisher nie so genau. Spätestens ab Kapitel 2 ist der Leser mit den Buchstaben per du, denn hier kommen wir diesen sehr nahe. Es werden Begriffe aus der menschlichen Anatomie verwendet, um Konstruktion und Struktur darzulegen. Hier kommt auch ein Funke Geschichte ins Spiel und ganz wichtig, etwas über Parameter. Parameter? Dieses Buch verliert nie den Blick auf die praktische Anwendung und Abwandlung. Schließlich möchte es uns zum Konstruieren von Schrift per Hand aufmuntern. Wenn wir also nicht einfach nur bestehende Alphabete abkupfern möchten, ist es wichtig zu wissen, wo am Buchstabenkörper die Stellschrauben sitzen.


Das Buch begleitet uns also auf einem sehr spannenden Weg. Wenn wir wissen, wie Buchstaben ticken und was sie brauchen, um gut zu sein, können wir selbst kreativ sein und den Buchstaben etwas andichten. Ist es nicht ein schöner Gedanke, dass der Buchstabe zur Illustration wird? Er berichtet nicht nur über Inhalt, sondern er wird Teil des Inhaltes. Wir gestalten Schrift, die genau das auf dem Punkt bringt, was wir aussagen möchten. Und das nach allen Regeln der Kunst. Um diese Regeln zu brechen, muss ich sie kennen. Im Buch wird dies immer wieder mit Beispielen untermalt. Am wertvollsten dürften hier die »Adams & Evas« der Alphabete sein. Verschiedene ABCs, die uns als perfekte Ausgangsvariante oder Urversion ans Herz gelegt werden. Von diesen Schriften ausgehend lässt es sich gut schöpfen und gestalten. Wie, das wird genau beschrieben.

»Weißräume trennen Buchstaben, Wörter und Zeilen, sie verbinden sie aber auch.«
(S. 38)

»Schrift kommt von Schreiben«, so wird das 3 Kapitel eingeläutet, in dem es um »Brushpen Lettering« geht. In diesem Kapitel lernen wir alles, was wir brauchen, um modernes Brush Lettering zu betreiben. Wir befinden uns kurz vor der Mitte des Buches und erinnern uns, das Thema ist Handlettering, nicht Brush Lettering. Ja, das Buch holt weit aus, das stimmt, aber zu Recht. In welcher Verbindung das Schreiben per Pinsel zum Handlettering steht, wird freilich erklärt. Von der Pike auf, durchleben wir die Kunst des »Pinselgeschreibsel« über: Werkzeuge, Handhabungen, Grundstriche, Alphabet Vorlagen, Variationen, Verbindungen, Fehlersuche, Ausdruckskraft. Es ist sogar ein 21-Tage-Übungsplan im Buch enthalten, motivierend und narrativ eingebettet.


In hinteren Teil des Buches treffen nun diverse Handlungsstränge aufeinander. Und schnell wird klar, warum einige Kapitel vorgeschoben wurden, bevor es ans Eingemachte gehen konnte. Wie findet unsere Idee – das, was wir aussagen möchten – die richtige Form? Wo und wie und womit fange ich an? Schritt für Schritt geht es weiter: Zeichentechnik, Entwurfsprozess, Layout, Reinzeichnung und vieles mehr, Selbstkritik und Fehlersuche können auf dem Weg helfen. Wir finden Übungen und Praxisbeispiele. Der Leser erhält Einblick in komplexe Aufgaben und Seitengestaltungen, die über Lifestyle-Brushlettering weit hinaus gehen.

Ist nun klar, für wen das Buch gut ist? Ein schönes, ansehnliches Buch mit Griff. Ein Schinken also, nichts für die Hosentasche. Mir gefällt das Schinkenformat, da es wunderbar mit all meinen anderen Fachbuch Schinken wechselspielen kann. In diesem Fall liegt die Bezeichnung »Handbuch« – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Hand. Und man braucht, so wie ich finde, viele Handbücher und Fachbücher, um sich seinem Lieblingsthema zu nähern.



Chris Campe hat das Buch geschrieben und gestaltet, es ist aus einem Guss und klar gegliedert. Das Buch trägt zwar »Handlettering« im Titel, ist jedoch auch interessant für aktive und passive Liebhaber der Typografie, Kalligrafie, und Pinselgrafie. Auch Grafik-Designer dürften ihre Freude daran haben. Es eignet sich meiner Meinung nach sowohl für ein tiefes Schriftstudium, als auch für das gezielte Erlernen des Brush Letterings für die anstehende Weihnachtskarte. Oder sagen wir für die Osterkarte, somit würde das Buch auch unter dem Weihnachtsbaum sehr viel Sinn machen.

Ich freue mich über frischen Wind im Bücherregal!

Eure Tabea



Wie fand das Buch zu mir? Ich habe den Haupt Verlag angeschrieben und mein Interesse bekundet, woraufhin ich ein Rezensionsexemplar per Post erhalten habe. Vielen Dank!