Kreative Lektüre – Handbuch Handlettering von Chris Campe

Heute beginnen wir unsere Reihe »Kreative Lektüre«. Die Idee dazu hatten wir schon länger und nahm nach diesem Post zum Thema Brush Lettering konkrete Gestalt an.

Das »Handbuch Handlettering« von Chris Campe ist im Frühjahr 2017 im Haupt Verlag erschienen: 160 Seiten – 23,8 x 26,6 cm – reich bebildert – 29,90 Euro

»Es geht darum, sich mit der Idee illustrativer Schrift vertraut zu machen und Schrift als erzählerisches Bild zu behandeln.«

Das Handbuch Handlettering fasst sich mit diesem Satz auf Seite 88 selbst zusammen. Statt mit optimierter Computerschrift zu visualisieren, zeichnet man beim Handlettering einzigartige Buchstaben, die dem Inhalt Ausdruck verleihen.

Die Gestaltungslehre hat vor über 20 Jahren meine kreative Welt sehr sortiert. Sie ist für mich etwas paradiesisches. Allerdings finde ich dies in Büchern eher selten wieder. Und hier kommt die gute Nachricht: Wunderbar flechtet Chris Campe Basiswissen der Gestaltungslehre in ihr Buchwerk ein und wendet es konkret und detailreich auf die Schrift an. Obwohl ich zum Thema schon einiges intus habe, eröffnen sich mir hier neue Zusammenhänge. Ihr Tonfall ist persönlich, beschwingt und einladend. Ihre Formulierungen konkret und feinsinnig. Für Chris Campe ist Schriftgestaltung kein Geheimnis, um das man herumschleichen muss. Warum ich das erwähne? Weil es ja so viele Fachbücher gibt, die am Ende doch nicht verraten, wie man es jetzt aber wirklich macht. Oder sie überschütten einen mit Wissen, schrecken ab und lassen einen dann damit stehen.



Besonders gut gefällt mir an diesem modernen und zeitlosen Fachbuch, dass die Autorin ihre »eigene Sprache« spricht und aus dem Vollen schöpft. Denn Handlettering ist ihr Weg. Das Buch ist also nicht »nur« ein Projekt, sondern ein Konzentrat ihres bisherigen Schaffens und Denkens zum Thema. Hier wird nicht munter allgemeines Fachwissen zum x-ten Male neu aufgemacht. Im Lesefluss fühle ich mich nie gelangweilt. Und dabei ist es ein Fachbuch mit allem drum und dran! Es gibt freilich Ratschläge und Anleitungen, jedoch immer mit dem Ziel: selbstständiges Arbeiten zu fördern.

»Denn, wenn alles hervorgehoben wird, ist am Ende nichts mehr betont.«
(S. 34)

Die Autorin kann auch streng sein, sie macht das sehr freundlich und glasklar. An vielen Stellen spricht sie es direkt an, z.B. dass Schrift zwar aussehen kann wie wer will, dass man jedoch nicht vergessen sollte, dass Schrift nicht nur kreativer Ausdruck ist, sondern, dass etwas mit ihr ausgesagt werden möchte. Damit spricht sie allen Designern aus der Seele.


Zu Beginn des Buches werden die Begrifflichkeiten erklärt: Typografie, Kalligrafie, Handlettering – und da musste ich mir eingestehen, war ich bisher nie so genau. Spätestens ab Kapitel 2 ist der Leser mit den Buchstaben per du, denn hier kommen wir diesen sehr nahe. Es werden Begriffe aus der menschlichen Anatomie verwendet, um Konstruktion und Struktur darzulegen. Hier kommt auch ein Funke Geschichte ins Spiel und ganz wichtig, etwas über Parameter. Parameter? Dieses Buch verliert nie den Blick auf die praktische Anwendung und Abwandlung. Schließlich möchte es uns zum Konstruieren von Schrift per Hand aufmuntern. Wenn wir also nicht einfach nur bestehende Alphabete abkupfern möchten, ist es wichtig zu wissen, wo am Buchstabenkörper die Stellschrauben sitzen.


Das Buch begleitet uns also auf einem sehr spannenden Weg. Wenn wir wissen, wie Buchstaben ticken und was sie brauchen, um gut zu sein, können wir selbst kreativ sein und den Buchstaben etwas andichten. Ist es nicht ein schöner Gedanke, dass der Buchstabe zur Illustration wird? Er berichtet nicht nur über Inhalt, sondern er wird Teil des Inhaltes. Wir gestalten Schrift, die genau das auf dem Punkt bringt, was wir aussagen möchten. Und das nach allen Regeln der Kunst. Um diese Regeln zu brechen, muss ich sie kennen. Im Buch wird dies immer wieder mit Beispielen untermalt. Am wertvollsten dürften hier die »Adams & Evas« der Alphabete sein. Verschiedene ABCs, die uns als perfekte Ausgangsvariante oder Urversion ans Herz gelegt werden. Von diesen Schriften ausgehend lässt es sich gut schöpfen und gestalten. Wie, das wird genau beschrieben.

»Weißräume trennen Buchstaben, Wörter und Zeilen, sie verbinden sie aber auch.«
(S. 38)

»Schrift kommt von Schreiben«, so wird das 3 Kapitel eingeläutet, in dem es um »Brushpen Lettering« geht. In diesem Kapitel lernen wir alles, was wir brauchen, um modernes Brush Lettering zu betreiben. Wir befinden uns kurz vor der Mitte des Buches und erinnern uns, das Thema ist Handlettering, nicht Brush Lettering. Ja, das Buch holt weit aus, das stimmt, aber zu Recht. In welcher Verbindung das Schreiben per Pinsel zum Handlettering steht, wird freilich erklärt. Von der Pike auf, durchleben wir die Kunst des »Pinselgeschreibsel« über: Werkzeuge, Handhabungen, Grundstriche, Alphabet Vorlagen, Variationen, Verbindungen, Fehlersuche, Ausdruckskraft. Es ist sogar ein 21-Tage-Übungsplan im Buch enthalten, motivierend und narrativ eingebettet.


In hinteren Teil des Buches treffen nun diverse Handlungsstränge aufeinander. Und schnell wird klar, warum einige Kapitel vorgeschoben wurden, bevor es ans Eingemachte gehen konnte. Wie findet unsere Idee – das, was wir aussagen möchten – die richtige Form? Wo und wie und womit fange ich an? Schritt für Schritt geht es weiter: Zeichentechnik, Entwurfsprozess, Layout, Reinzeichnung und vieles mehr, Selbstkritik und Fehlersuche können auf dem Weg helfen. Wir finden Übungen und Praxisbeispiele. Der Leser erhält Einblick in komplexe Aufgaben und Seitengestaltungen, die über Lifestyle-Brushlettering weit hinaus gehen.

Ist nun klar, für wen das Buch gut ist? Ein schönes, ansehnliches Buch mit Griff. Ein Schinken also, nichts für die Hosentasche. Mir gefällt das Schinkenformat, da es wunderbar mit all meinen anderen Fachbuch Schinken wechselspielen kann. In diesem Fall liegt die Bezeichnung »Handbuch« – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Hand. Und man braucht, so wie ich finde, viele Handbücher und Fachbücher, um sich seinem Lieblingsthema zu nähern.



Chris Campe hat das Buch geschrieben und gestaltet, es ist aus einem Guss und klar gegliedert. Das Buch trägt zwar »Handlettering« im Titel, ist jedoch auch interessant für aktive und passive Liebhaber der Typografie, Kalligrafie, und Pinselgrafie. Auch Grafik-Designer dürften ihre Freude daran haben. Es eignet sich meiner Meinung nach sowohl für ein tiefes Schriftstudium, als auch für das gezielte Erlernen des Brush Letterings für die anstehende Weihnachtskarte. Oder sagen wir für die Osterkarte, somit würde das Buch auch unter dem Weihnachtsbaum sehr viel Sinn machen.

Ich freue mich über frischen Wind im Bücherregal!

Eure Tabea



Wie fand das Buch zu mir? Ich habe den Haupt Verlag angeschrieben und mein Interesse bekundet, woraufhin ich ein Rezensionsexemplar per Post erhalten habe. Vielen Dank!

Über Schrift und Adressen – Brush Lettering Ausflug

Der schöne Brief ist wieder aktiv. Er klopft an unsere Briefkästen und verbreitet gute Laune. Bei mir schmückt er den Schreibtisch und macht meine Wand BLAU. Dankeschön! Die Sommerpost gesellt sich zum Rest meiner Postkunstgehänge. Ich hoffe, ihr seid guter Dinge und habt ebenso Freude an der Kunstwurfsendung.


»kugel pflaster kugel« von mano, »Sommer Kalligraphie« von Moni, »Druckfische« von Michaela,
»Hand Art« von Katrin, »Octopus« von Swig

»Sommerpost« von Silke, »Druckfisch« von Andiva, »Briefumschlag« von Annette
»Sommerpost« von Martina, »Druckkarte« von Silke, »Tubengeheimnis« von mano
»Enjoy« von Eva, »Mandala« von Martina, »Fischpost« von Marja, »Hündchen« von Selma, »Mail-Art« von Moni
Es landen nicht nur eure Postkünste an meinen Wänden, sondern mitunter auch Briefumschläge und Beikarten. Da ich mich über die positive Entwicklung eurer Handschriften zur Gestaltung der Adressen auf den Briefumschlägen sehr freue, hab ich heute was für euch. Ein paar Gedanken und ABC-Inspirationen zum Tintenschweifen, Tuschetreiben, Schwungwörteln und Buchstabenziehen.
Eure Briefumschläge sind bestempelt, bedruckt und mit Schönschrift versehen. Briefmarkencharme, feine Papiere und Farben … ein Gesamtkunstwerk.

Das spricht mich sehr an ;o)
Postkarte von Angelika

Handschrift, Schreiben, Schönschrift. »Schönschrift« klingt für manche nach Schule. Nach verklecksten Heftseiten, eingefärbten Fingern und Pein. Früher hätte man nun auch die »Kalligraphie« erwähnt, denn wer es besonders gut meinte mit der Handschrift, griff zu Feder und Tintenfass. Mach ich sehr gern – geht natürlich auch heute noch prima. Hat einen klassischen Charme und wirkt auf manche etwas eingestaubt. Klassisch lasse ich gelten.

Handschriftentechnisch war in Sache Neuerung lange Pause – Kalligraphie begegnet man im Alltag eher selten und in den Schulen möchte man die verbundene Schreibschrift am liebsten gleich abschaffen. Oder schön wärs: soll ich mutig sagen »mochte«. Denn da kommt die Rettung vorbei »Brush Lettering« ist in aller Munde, schön und modern gestaltete Handschrift per Pinsel.

Da wünsche ich mir von Herzen, dass sich die in Mode geratenen Buchstaben halten. Nicht lange, sondern für immer. Vom Wühltisch würde ich sie dann zwar retten und in all meine Schubladen und Regale verstauen – aber viel lieber sehe ich sie in den Herzen der Menschen und auf ihren Briefen und Drucksachen. Bitte auch in den Schulheften.

Noch vor einiger Zeit suchte ich Pinsel- und Plakatschriften-Alphabete verzweifelt in verstaubten alten Typobüchern. Ich hätte mir die ABCs gern »beigebracht« – per Pinsel. Und jetzt sieht man sie auf nahezu jeder Drucksache, auf jeder Homepage und sogar mein Rechner ist voll von ihnen. Wir leben in einer gesättigten Brush-Lettering-Lösung. Also zack! Alphabete wieder raus aus dem Rechner:

Schöne Brush-Filzer gibt es mittlerweile von vielen Anbietern. Ich bevorzuge die wasserfesten Sorten. Für die Beschriftung von Briefen und Marmeladengläsern vorteilhaft. Außerdem benutze ich sie eher sparsam, wenn eben keine Zeit ist, um den Farbkasten vorzukramen. Natürlich auch praktisch für unterwegs. Aquarell-Filzstifte erschließen sich mir nicht. Ich investiere lieber in Horadam. Die Filzer sind nämlich ganz schön preisintensiv und dafür auch schnell verbraucht. Dies sind freilich persönliche Erfahrungen.
Am liebsten schreibe ich mit wasserfesten Flüssigkeiten in meinen Lieblingsfarben. Die bedeutendsten Pinsel in meiner Sammlung sind die borstigen – für Spezialeffekte. Bei den Farben lohnt es sich, auf die kleinen Symbole zu achten, die auf der Farbkarte vermerkt sind. So könnt ihr bewusst wählen, ob die Farbe eher deckend oder lasierend sein soll. Ist euch Lichtechtheit wichtig? Die Ecoline Farben liebe ich, jedoch sind diese leider nicht besonders lichtbeständig. Für Kunstwerke hinter Glas also eher nicht das richtige. Für den Alltag im Skizzenbuch und im Brief jedoch absolut in Ordnung.
Tusche ist natürlich meine Basis. Olle Pinsel und eine schlichte Feder reichen mir als Werkzeug. Meine Federn kaufte ich vor 30 Jahren auf einem Flohmarkt und sie werden für den Rest meines Lebens halten. Ein Glücksgriff. – Alte Pinsel hinterlassen schöne Spuren am Staben. Ist nun nicht jederfraus Arbeitsweise, ich mag es aus dem Bauch heraus und eher ohne Pingelei. Mit der bin ich durch. Wenngleich es für den Anfang von Vorteil ist, es sorgfältig angehen zu lassen. Hab ich auch. Damals. Ihr findet euren eigenen Weg.
Einkaufen muss man zum Schönschreiben nicht unbedingt. Im Grunde eignet sich auch jede Art von Wasserfarbe, sowohl für Pinsel als auch für die Feder. – Oben links seht ihr mein Schnäppchen, eine »SOENNECKEN SÜTTERLIN-FEDER Kiste. Für mich die perfekte Feder. – Wassertankpinsel sind voll IN. Ehrlich gesagt konnte ich noch keine Technik dafür entwickeln. Kommt vielleicht noch. Wobei es ja praktisch anmutet, ein chronisch gewässerter Pinsel. Vielleicht was für unterwegs?

Meine erste Brush-Lettering-ABC-Vorlage seht ihr auf dem ersten Foto: Classy & Chic. Sie lag immer ansehnlich auf meinem Schreibtisch. Für erste Übungen sind die Filzstifte gut geeignet, da sie leichter zu bändigen sind als Pinsel. Hier arbeiten wir mit Druck. Wer gut im Zeichnen ist, ist im Vorteil. Denn auf den Duktus kommt es an, zarte Linien und satte Linien im Wechsel. Die Verbindungen zwischen dick und dünn können herausfordern.

Wer sich längere Texte noch nicht zutraut, kann auch mit schönen Initialen beginnen. Anfangs ist es sinnvoll, den Charakter der Schrift genau treffen zu wollen. Versucht, die Besonderheiten einer Schrift herauszufinden und ahmt sie nach. Denn dadurch entsteht dann das typische Schriftbild. Ähnlich wie beim Mustern, kommt es hier darauf an, die Merkmale des einen Buchstaben zu wiederholen.

Hier (PDF, 611 KW) habe ich euch (auf einer Seite) eine kleine Sammlung an Brush Lettering ABCs zusammengestellt. Wer mag, kann sie sich herunterladen, ausdrucken und loslegen. Natürlich könnt ihr unter dem Begriff »Brush Lettering ABC« auch selber im Internet auf die Suche gehen. Die meisten der Pinselschriften für den Computer sind nicht besonders ausgefeilt und verfügen nur über einen Schriftschnitt. Vielen fehlen Sonderzeichen, Zahlen oder Umlaute. Von der schönen Handschrift kann uns das nicht abhalten, wir denken uns das eine oder andere einfach dazu. Gell!

Viel Freude wünscht euch . Tabea
KLICK auf Bild führt euch zum DOWNLOAD PDF (611 KB)